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\begin{document}

\begin{center}

KARL MAY\\

May gegen Mamroth\\

Antwort an die {\frqq}Frankfurter Zeitung{\flqq}\\

\end{center}

\small


Radebeul b. Dresden, Villa Pl{\"o}hn, d. 20. August 1899.

Hochverehrter Herr Redakteur!

Da ich wei{\ss}, da{\ss} das von Ihnen geleitete Blatt nicht zu denjenigen geh{\"o}rt, welche die mehr als blo{\ss} geh{\"a}ssigen Angriffe nachgedruckt haben, die jetzt w{\"a}hrend und vielleicht auch wegen der Abwesenheit des Reiseschriftstellers Karl May von sich dazu berufen w{\"a}hnenden {\frqq}Helden der Feder{\flqq} gegen den jetzt Verteidigungslosen gerichtet werden, so gestatte ich mir die ganz ergebene Bitte, meine gegenw{\"a}rtige Zuschrift g{\"u}tigst in Ihre Spalten aufzunehmen. Herr Karl May wei{\ss} zwar nichts davon, da{\ss} ich mich an Sie wende, aber ich glaube in seinem Sinne zu handeln und f{\"u}hle mich als sein pers{\"o}nlicher Freund und als der mit seiner umfassenden Korrespondenz Beauftragte innerlich verpflichtet, mich wenigstens mit der einstweiligen Abwehr zu befassen, bis er unterrichtet und dann im Stande ist, selbst einzugreifen, falls er die Waffen, mit denen man auf ihn loshaut und -sticht, f{\"u}r einer Gegenwehr w{\"u}rdig h{\"a}lt.

{\frqq}Die Redaktionen sollen die Throns{\"a}le der {\frqq}K{\"o}nigin Presse{\flqq}, die Hochburgen des edlen Journalismus, die Wohnst{\"a}tten wahrhaft nobler Gesinnung, die Lehrzimmer vornehmer Schreib- und Handlungsweise sein. Sind sie das, lieber Herr?{\flqq}

Diese Frage richtete May einst in meiner Gegenwart an einen ihn besuchenden Redakteur. Die Antwort klang genau so, wie diejenige des geneigten Lesers am Schlusse dieser Darstellung klingen wird!

Es war im Jahre 1891, kurz nachdem Karl May den Verlagsvertrag mit F.~E.~Fehsenfeld unterzeichnet hatte, als ich ihn fragte, ob er glaube, mit diesen seinen B{\"u}chern gute Gesch{\"a}fte zu machen. Er antwortete:

{\frqq}Nicht nur gute, sondern ganz au{\ss}erordentliche. Fehsenfeld hat eine gl{\"u}ckliche Nummer gezogen. Das glaube ich nicht nur, sondern ich bin {\"u}berzeugt davon, denn ich wei{\ss}, was und warum ich schreibe, und ich kenne meine Leser. Man gibt mir die Ehre, mich einen Jugendschriftsteller zu nennen; ich bin es nicht und ich bin es doch. Ich schreibe nicht f{\"u}r die Schul-, sondern f{\"u}r die geistige Jugend, f{\"u}r die Herzen, welche nie alt werden, f{\"u}r die Gem{\"u}ter, welche sich ihre Ideale nicht stehlen lassen, f{\"u}r die frohgemuten Konstitutionen, durch deren Adern ein gesundes Blut von einem kr{\"a}ftigen Puls getrieben wird. An solcher Jugend ist mein liebes Deutschland reich und wird es immer bleiben. Das sichert mir die Zukunft meiner Werke, von denen, wie du ja wei{\ss}t, der junge westf{\"a}lische Graf mir k{\"u}rzlich schrieb: {\frqq}Solange es gesunde Deutsche gibt, wird May gelesen werden.{\flqq}

Und ich schreibe f{\"u}r die an Liebe Armen und Bed{\"u}rftigen, f{\"u}r die, welche sich nach innerem Frieden sehnen, f{\"u}r alle die, welche anklopfen, aber keiner tut ihnen auf. Das sind ungez{\"a}hlte Tausende, welche mich jetzt und nach meinem Tode lesen werden. Das klingt freilich, als ob ich eingebildet auf meine Werke sei, als ob ich nach nichtigem Ruhme, nach literarischer Gr{\"o}{\ss}e strebe. Aber ich bitte dich, dies ja nicht zu denken, lieber Freund. Auf solchen Ruhm und solche Gr{\"o}{\ss}e verzichte ich ein f{\"u}r allemal, und zwar ganz gr{\"u}ndlich gern. Warum? Ich will es dir sagen:

Ich hatte eine Gro{\ss}mutter, die konnte so lieb, so lieb von ihrem Herrgott, vom Himmel, von den Engeln, vom Glauben, von der Liebe und der Seligkeit dort {\"u}ber den Sternen sprechen. Ich war ihr Lieblingsenkel und ich habe das von ihr geerbt. Sie ist jetzt droben bei dem, an den sie glaubte, ich aber spreche an ihrer Stelle weiter. Und ich hatte einen Paten, welcher als Wanderbursche weit in der Welt herumgekommen war. Der nahm mich in der D{\"a}mmerstunde und an Feiertagen, wenn er nicht arbeitete, gern zwischen seine Kniee, um mir und den rundum sitzenden Knaben von seinen Fahrten und Erlebnissen zu berichten. Es war ein kleines schw{\"a}chliches M{\"a}nnlein, mit wei{\ss}en Locken, aber in unseren Augen ein gar gewaltiger Erz{\"a}hler voll {\"u}bersprudelnder, mit in das Alter hin{\"u}ber geretteter Jugendlust und Menschenliebe.

Alles, was er berichtete, lebte und wirkte fort in uns; er besa{\ss} ein ganz eigenes Geschick, seine Gestalten gerade das sagen zu lassen, was
uns gut und heilsam war, und in seine Erlebnisse Szenen zu verflechten, welche so unwiderstehlich belehrend, aneifernd oder warnend auf uns wirkten. Wir lauschten atemlos, und was kein strenger Lehrer, kein strafender Vater bei uns erreichte, das erreichte er so spielend leicht durch die Erz{\"a}hlungen von seiner Wanderschaft. Er hat seine letzte Wanderung schon l{\"a}ngst vollendet; ich aber erz{\"a}hle an seiner Stelle weiter. Nun kennst du meine Absicht, ich will kein Schriftsteller, kein Romancier, kein Novellist, kein Gelehrter, kein Geograph, kein Ethnolog sein, sondern ich will meinen Lesern das sein, was meine Gro{\ss}mutter und mein Pate mir gewesen sind, und wenn es mir gelingt, ihnen dies zu werden, so bin ich mehr als zufrieden, denn ich habe das gro{\ss}e Ideal meines Lebens erreicht: Ich gebe ihnen spielend und in Liebe das, was sie sich sonst im Kampfe mit der H{\"a}rte des Lebens m{\"u}hsam zu erringen h{\"a}tten.

Ich habe in meinen {\frqq}Geographischen Predigten{\flqq} diesen nun endlich erscheinenden B{\"a}nden eine erkl{\"a}rende Einleitung vorausgeschickt. Sie enthalten f{\"u}nf Kapitel: {\frqq}Himmel und Erde{\flqq}, {\frqq}Erde und Meer{\flqq}, {\frqq}Strom und Stra{\ss}e{\flqq}, {\frqq}Stadt und Land{\flqq}, {\frqq}Haus und Hof{\flqq}, das letzte Kapitel ausklingend in {\frqq}Gotteshaus und Kirchhof{\flqq}, von wo aus die Seele zur Heimat zur{\"u}ckkehrt, der sie im ersten Kapitel {\frqq}Himmel und Erde{\flqq} entstiegen ist. Diese {\frqq}Geographischen Predigten{\flqq} enthalten die ganze vollst{\"a}ndig festgestellte Disposition meiner Werke, nach welcher ich ganz genau gearbeitet habe und auch weiter arbeiten werde. Sie enthalten ferner eine ausf{\"u}hrliche Erkl{\"a}rung der Gr{\"u}nde, warum ich meine {\frqq}Predigten{\flqq} in das Gewand der Reiseerz{\"a}hlungen kleide und darum gezwungen bin, auch wirklich Reisen zu unternehmen, und zwar nicht in gew{\"o}hnlich touristischer, sondern in einer solchen Weise, da{\ss} ich m{\"o}glichst viel erlebe. Sie geben sodann an, warum ich mich dessen, was die Herren Schriftsteller {\frqq}Styl{\flqq} nennen, nicht im mindesten beflei{\ss}en werde. Was verstehst du {\"u}berhaupt unter Styl, lieber Freund? Kannst du mir es sagen? Nein; kein Mensch kann es! Unter Styl versteht man die Scheuleder und Aufsatzz{\"u}gel des Autorenschimmels. Styl ist die Allerweltssauce, welche man in gewissen Speiseh{\"a}usern in allen Fleisch- und Gem{\"u}searten, ebenso zu Rindsfilet und Rebhuhn, wie auch zu Kalbsbraten und Ente bekommt.

Styl ist die literarische Schnurrbartbinde, die sorgf{\"a}ltig und mit vieler M{\"u}he eingepl{\"a}ttete Kavalierfalte an der Schriftstellerhose. Es
gibt Schriftsteller, welche weder Geist noch Kenntnisse noch sonst etwas haben, als nur den Styl. Man besitzt stylvolle Zimmer, wohnt aber nicht darin. Ein Kommis r{\"u}hmt sich seines guten Styles, wenn er sich um eine Stelle bewirbt. Ich mag diesen Ruhm nicht, und wenn ein Kritiker oder Redakteur meinen Styl tadelt, so l{\"a}{\ss}t mich das vollst{\"a}ndig kalt, weil ich mich ja nie um eine Anstellung bei ihm bewerben werde. Und wagt es etwa jemand, auch nur eine Zeile meines Manuskriptes zu {\"a}ndern oder gar sogenannte Verbesserungen anzubringen, so bekommt er keinen einzigen Buchstaben mehr von mir. Du wei{\ss}t ja, wie streng sich meine Verleger an diese meine stets allererste Bedingung zu halten haben. Es ist genug, da{\ss} ich ihnen die neue, noch gar nicht reife Orthographie gestattete, Korrekturen aber auf keinen Fall; denn jedes meiner Worte ist mein unangreifbares geistiges Eigentum. Andere m{\"o}gen sich von den Redaktionen um- und ausflicken lassen, ich nicht! Wie mich mein Pate zwischen seine Kniee nahm und ohne Styl und Zaudern zu mir sprach, so will ich es auch mit meinen Lesern halten. Man wird meine Erfolge vielleicht dem Umstande zuschreiben, da{\ss} ich in der ersten Person erz{\"a}hle. Ich schreibe in der dritten wenigstens ebenso erfolgreich. Der Grund ist nur der: Ich schreibe hundert, zweihundert, wenn es dr{\"a}ngt, auch dreihundert Seiten ohne alle Pause, ohne zu schlafen und zu essen. Das wei{\ss}t du ja. Wie es aus denn Herzen kommt, so fliegt es aufs Papier, und geht von da wieder zum Herzen. Es ist das eine direkte Sprache von Gem{\"u}t zu Gem{\"u}t, durch keinen Styl um ihre Urspr{\"u}nglichkeit, Unmittelbarkeit und Herzlichkeit gebracht. Ich lese keine Manuskripte noch einmal durch; ich {\"a}ndere kein Wort; ich schicke es fort, wie es aus der Feder kam, und ganz genau so mu{\ss} es gedruckt werden. Jede redaktionelle {\"A}nderung zerschneidet den Faden zwischen mir und dem Leser, und wenn der hochweise Herr ihn auch wieder zusammenkn{\"u}pft, es entsteht ein Knoten, den ich nicht dulden kann, weil er die direkte Wirkung hemmt und st{\"o}rt. Hierin aber auch ganz allein hierin liegt das Geheimnis meiner bisherigen und wahrscheinlich auch sp{\"a}teren Erfolge. Ich k{\"u}nstele und feile nicht; mein Styl ist Natur. Darum wird mich jeder nat{\"u}rlich f{\"u}hlende und nat{\"u}rlich denkende Leser lieb gewinnen, w{\"a}hrend die Angeh{\"o}rigen des alternden Federtums und alle anderen sonstigen Pedanten mich zu ihren Antipoden verweisen werden, wohin ich allerdings auch geh{\"o}re. Ich wei{\ss}, ja ich
habe es sogar auch beabsichtigt, da{\ss} meine Erz{\"a}hlungsweise ein ganz neues Literatur-Genre bildet. Auch hierzu ist die Erkl{\"a}rung in meinen {\frqq}Geographischen Predigten{\flqq} zu lesen. Man hat mich ob dieser Weise mit Verne verglichen; aber jener s{\"u}ddeutsche Kritiker hat sehr recht, welcher sagt: {\frqq}May mit Verne zu vergleichen, ist barer Unsinn; sie stehen einander ferner als je zwei andere beliebige Autoren.{\flqq} Man wird noch ganz andern und noch viel gr{\"o}{\ss}ern Unsinn {\"u}ber mich schreiben und auch drucken; das wei{\ss} ich schon jetzt, denn wer die {\frqq}Geographischen Predigten{\flqq} nicht gelesen hat, ist vollst{\"a}ndig unf{\"a}hig, meine Voraussetzungen und Ziele zu kennen, meine Art und Weise zu begreifen, mein Denken und Wollen zu verstehen und ein gerechtes Urteil {\"u}ber meine Werke zu f{\"a}llen; die Herren von der Kritik haben aber, wie es scheint, nicht die mindeste Notiz von ihnen genommen. May war ein ihnen unbekannter Mann, und so bef{\"u}rchte ich, da{\ss} ihnen, wenn sie nun Notiz von mir zu nehmen beginnen, Alles ebenso unbekannt geblieben sein wird, was sie wissen und kennen m{\"u}{\ss}ten, um {\"u}ber den Wert oder Unwert meiner Werke entscheiden zu k{\"o}nnen. Ich hasse die Kritik keineswegs; nein, ich liebe sie; ich will sie haben, auch {\"u}ber meine Werke, sogar streng, aber gerecht. Ich fordere aber, da{\ss} der, welcher mich kritisiert, mich nicht nur gelesen, sondern studiert hat, und zwar von der ersten bis zur letzten meiner Arbeiten, die so organisch zusammenh{\"a}ngen, da{\ss} sie nur im Ganzen zu beurteilen sind.

Und da, lieber Freund, wei{\ss} ich schon jetzt, was geschehen wird. Ich lege die Sonde an die gro{\ss}en Wunden der Gegenwart; das schmerzt. Ich zeige die Heilung auf denn Wege des Glaubens, der Liebe und des Friedens. Es gibt aber Unz{\"a}hlige, welche diesen Glauben, diese Liebe und diesen Frieden nicht wollen; sie werden {\"u}ber mich herfallen. Das ist die Reaktion, auf welche ich mich freue, auf welche ich mit Sehnsucht hoffe; denn tritt sie nicht ein, so habe ich in die Luft geschrieben, und der Wert meiner Werke ist gleich Null. Tritt sie aber ein, wenn auch in noch so feindlich gegen mich gerichteter, aber nat{\"u}rlicher und ehrlicher Weise, so werde ich diesen Gegnern mit Freuden Stand halten, denn ich wei{\ss}, sie selbst zwar versagen mir ihre Zustimmung, aber ihre Kinder und Enkel werden um so eifriger {\"u}ber meinen B{\"u}chern sitzen und dann an ihnen finden, was die V{\"a}ter nicht gefunden haben, weil sie es absolut nicht finden wollten. Das ist die Reaktion, auf welche
ich mich freue, denn sie kommt mir von braven, ehrlichen, gesinnungst{\"u}chtigen Gegnern. Leider aber sind noch andere Str{\"o}mungen zu erwarten, tr{\"u}be, unlautere Wasser, die aus sumpfigem Boden flie{\ss}en. Es wird eine Kritik geben, welche meine Werke verurteilt, obgleich und weil sie meine {\frqq}Geographischen Predigten{\flqq} nicht kennt. Diese Einleitungsschrift ist zwar vielerorts, auch im K{\"u}rschner, ganz deutlich angegeben, aber was k{\"u}mmert das einen Kritiker, der sich nun einmal fest vorgenommen hat, einen ihm unsympathischen oder unbequem gewordenen Autor an den Marterpfahl zu binden und bei lebendigem Leibe abzuschlachten. Ich kenne solche Herren. Diese Art der Kritik {\"u}berspringt sogar die aller{\"a}u{\ss}erste Schranke literarischen Anstandes, indem sie pers{\"o}nlich wird, und wenn sie sich dem Werke ohnm{\"a}chtig gegen{\"u}ber sieht, in den Privatverh{\"a}ltnissen des Verfassers nach Wunden sucht, um ihn dann {\"o}ffentlich verbluten zu lassen. Das ist aber vorzugsweise italienische und franz{\"o}sische Gepflogenheit. In den Journalen Seinebabels kann man solche Kafillerszenen {\"o}fter vor sich gehen sehen. Es sind das Scheu{\ss}lichkeiten, deren unsre deutsche Presse denn doch nicht f{\"a}hig ist.

Auf diese Art der Kritik, welche meine Werke verurteilt, ohne die Hauptsache f{\"u}r den Kritiker, n{\"a}mlich ihre Vorbedingungen zu kennen, freue ich mich zwar nicht, aber ich habe auch nicht den mindesten Grund, mich vor ihr zu f{\"u}rchten. Wo der Grund und Boden fehlt, f{\"a}llt der Bau von selbst zusammen. Da es ihr unm{\"o}glich ist, den Inhalt zu erfassen, wird sie sich h{\"o}chst wichtig mit den Nebendingen, den {\"A}u{\ss}erlichkeiten befassen, sie wird den Styl tadeln. Na, diesen Genu{\ss} g{\"o}nne ich ihr sehr gern, wenn sie nur auch selber Styl im Tadel hat. Da sie meine Einleitung nicht kennt, wird sie nicht wissen, in welches Fach und da wieder in welche B{\"u}chse die Werke Mays geh{\"o}ren. Im gro{\ss}en literarischen Kr{\"a}merladen mu{\ss} doch Ordnung herrschen, damit, wenn der Bauer Tabak oder der Backfisch Bonbons verlangt, die Kritik in ihrer {\frqq}B{\"u}cherschau{\flqq} nur nach den betreffenden K{\"a}sten zu zeigen braucht. Wo nun da hin mit mir? Nat{\"u}rlich {\frqq}Jugendschriftsteller{\flqq}, {\frqq}Indianergeschichten{\flqq}! Wie falsch, wie grundfalsch! Sie wird ferner tadeln, da{\ss} ich mich so oft wiederhole. Ja, wenn ich z. B. einen Menschen t{\"a}glich sehe und nicht Geist genug besitze, mich mit seinem inneren Leben zu besch{\"a}ftigen, so werde ich seiner {\"u}berdr{\"u}ssig, und mag schlie{\ss}lich nichts
mehr von ihm wissen. So auch mit meinen Erz{\"a}hlungen, von denen ich so frei bin zu behaupten, da{\ss} eine Seele in ihnen wohnt, welche man nur dann lieb gewinnt, wenn man sich M{\"u}he gibt, sie zu beobachten. Ich f{\"u}hre den Leser vorzugsweise in die Prairie, die Savanne, in die Steppe, die W{\"u}ste. Es ahnt wohl kaum ein Leser, wie sehr ich mir meine Aufgabe dadurch selbst erschwert habe. Glaube, Liebe, Friede  \dots  bei solcher Szenerie, solcher Staffage! Aber grad diese Schwierigkeit hat mir die Arbeit lieb gemacht. Es ist nichts Gro{\ss}es, in der Kirche vom Glauben, im Hospiz von der N{\"a}chstenliebe und beim Busenfreunde w{\"a}hrend der Nachmittagszigarre vom Frieden zu sprechen; aber diese Lehre grad da wirken zu lassen, wo ihr der gr{\"o}{\ss}te Widerstand entgegentritt, das ist gar nicht so leicht, wie man denkt. Man lese meine Nachahmer, oder gar die, welche ihre Indianer- und sonstigen Geschichten unter meinem Namen schreiben! Man bedenke auch, was die Prairie, die Steppe, die W{\"u}ste in Beziehung auf Tier- und Pflanzenleben bietet. Entweder fast nichts, wie z. B. die Sahel, oder wenig Arten bei allerdings viel Individuen. Dementsprechend zeigt sich, wie {\"u}berall, das Menschenleben in seinen Beziehungen und {\"A}u{\ss}erungen. Sucht der Erz{\"a}hler da nach Stoff, so findet auch er sehr wenig Arten, aber unz{\"a}hlige Wiederholungen. Man frage tausend Indianer, tausend Beduinen, sie sollen auch verschiedener St{\"a}mme sein, nach erz{\"a}hlenswerten Ereignissen aus ihrem Leben; man wird immer wieder dieselben oder doch ganz {\"a}hnliche Szenen h{\"o}ren. Soll ich nun etwa einer oberfl{\"a}chlichen Kritik wegen ein Land oder ein Volk ganz anders schildern, als es in Wirklichkeit ist? Soll ich Lebensbeziehungen finden und dorthin tragen, wo sie unm{\"o}glich sind? Mit einem anderen Worte: Soll ich unwahr schreiben, weil irgend Jemand am Redaktionspult besser und angenehmer unterhalten sein will als ich selbst, wenn ich mich in der {\"O}de oder im Duar befinde? Die Kritik soll mich nicht tadeln, sondern es mir danken, da{\ss} ich nicht unwahr schildere, sondern es verschm{\"a}he, in der Weise wie meine Nachahmer, welche die Fr{\"u}chte meiner B{\"a}ume ernten, Szenen in die Ganz- oder Halbwildnis zu verlegen, welche in eine Dorf- oder gar Salongeschichte geh{\"o}ren! Dabei ist zu bedenken, da{\ss} ich aus sehr ernsten Gr{\"u}nden f{\"u}r mich das f{\"u}r Andere so au{\ss}erordentlich ergiebige Motiv der Geschlechtsliebe vollst{\"a}ndig ausgeschlossen habe. Nichtkenner faseln zwar davon, da{\ss} das Familienleben der Indianer und
Beduinen kein inniges sei. Ich sage, es ist wenigstens ebenso innig wie bei uns, tritt aber nicht so an die {\"O}ffentlichkeit. Ich habe da freiwillig auf einen wahren Reichtum an Sujets verzichtet, teils aus religi{\"o}sen, teils aus ethischen Gr{\"u}nden, doch aber auch, wie ich aufrichtig gestehe, um den allerdings h{\"o}chst schwierigen Beweis zu f{\"u}hren, da{\ss} man ein viel und gern gelesener Verfasser werden kann, auch ohne die Untreue, den Ehebruch oder das Thema: sie wollten sich zwar, sollten sich aber nicht kriegen und kriegen sich endlich doch, immer wieder zu variieren. Dieser Beweis ist mir gelungen; der Tadel ber{\"u}hrt mich nicht, zumal er der Unkenntnis und der Oberfl{\"a}chlichkeit entspringt. Wenn ich n{\"a}mlich zugebe, da{\ss} die von mir erz{\"a}hlten Begebenheiten rein {\"a}u{\ss}erlich oft {\"A}hnlichkeit mit einander besitzen, ein Mangel an Abwechslung, den man aber nicht mir, sondern dem dortigen Leben anzurechnen hat, wird jeder wohlmeinende und nicht absichtlich {\"u}belwollende Leser finden, da{\ss} dieser {\"a}u{\ss}ere Mangel durch liebevolles Eingehen auf das innere Leben und dessen Reichhaltigkeit mehr als vollst{\"a}ndig ausgeglichen wird. Wer allerdings mit dem Vorsatze, mich literarisch anzurempeln, nur so oben{\"u}berhin nach Kampf und Mord und Blut sucht, der wird davon nichts merken, sondern eben anrempeln.

Ferner wird die sonderbare Frage erhoben werden, ob ich das, was ich erz{\"a}hle, auch wirklich Alles und zwar bis zu dem T{\"u}pfelchen auf dem i erlebt habe. Man sollte es zwar nicht f{\"u}r m{\"o}glich halten, aber es wird doch wohl geschehen, wenn auch gewi{\ss} nicht von einem Einzigen von denen, welche meine {\frqq}Geographischen Predigten{\flqq} gelesen haben.

Der verst{\"a}ndige Leser wird das als eine geistige Pfennigfuchserei bezeichnen, die, wenn man ihr einen ganzen Sack voll verschiedener Geldst{\"u}cke schenkt, des Goldes und des Silbers gar nicht achtet, aber die Heller und die Paras, 40 auf den Piaster zu 16 Pfennigen, mit peinlicher Genauigkeit nachz{\"a}hlt. Diese guten, so sehr besorgten Seelen verweise ich auf meine Biographie, welche genau zur rechten Zeit bei Fehsenfeld erscheinen wird, der das alleinige Recht des Verlages besitzt.

Diese und wahrscheinlich noch manche andere rein {\"a}u{\ss}ere Frage, die ich nicht vorher wissen kann, wird man, so zu sagen, an die Umschl{\"a}ge, die Einb{\"a}nde meiner B{\"u}cher richten, die Seele aber, welche ihnen innewohnt, das in ihnen lebende, treibende und entwickelnde
Prinzip, welches von dem Leser erkannt und aufgenommen werden soll, um nun auch in ihm zu wirken, darnach wird wohl niemand fragen, h{\"o}chstens wird man sagen, da{\ss} es sich f{\"u}r einen Verfasser von Reisebeschreibungen nicht gut schicke, den frommen Mann zu spielen, weil religi{\"o}se Bemerkungen an so ungeeigneter Stelle gar nicht passend seien.{\flqq}

\section*{II.}

In dem Artikel I habe ich ziemlich genau wiedergegeben, was May damals sagte. Es interessierte mich so, da{\ss} ich es m{\"o}glichst wortgetreu aus dem Ged{\"a}chtnisse niederschrieb, um sp{\"a}ter zu wissen, ob es in der Weise, wie er gemeint hatte, eingetroffen sei. Jetzt nun hat sich alles erf{\"u}llt; die gesunde, ehrliche Reaktion ist da, denn die Gegner des positiven Glaubens gehen sehr kr{\"a}ftig gegen die May-B{\"a}nde vor; auch die {\frqq}tr{\"u}ben Str{\"o}mungen{\flqq} sind da, und nur in Einem hat er sich leider, leider sehr geirrt, n{\"a}mlich darin, da{\ss} die {\frqq}Kafillerszenen{\flqq} nur im Seinebabel zu beobachten seien.

Es war ein Irrtum von ihm, zu meinen, da{\ss} die deutsche Presse einer solchen Abschlachtung nicht f{\"a}hig sei. Und zwar ist er es selbst, den man {\frqq}an den Marterpfahl gebunden{\flqq} hat. Man h{\"o}re, wie von den wei{\ss}en christlichen und anderen Indsmen verfahren worden ist! May reiste im vorigen Jahre nach Wien, eingeladen vom Grafen~J. Beider Geburtstagsfest f{\"a}llt auf den selben Tag und sollte in dem gr{\"a}flichen Hause gefeiert werden. Dieser Aufenthalt war nur auf einige Tage berechnet, dehnte sich aber auf 5 Wochen aus. Warum? Seine Leser hielten ihn dort fest, aber leider war dies nicht allein der Fall, sondern eine Krankheit hielt ihn fest, ein in seiner Familie erbliches H{\"a}morrhoidalleiden, kompliziert mit einem Aufbruche einer alten schlecht vernarbten Wunde. Er kam dem Tode nahe, und nur seine Riesennatur, die ihn selbst bei f{\"u}nf auf einmal genommenen Schlafpulvern wach erhielt, rettete ihn. Der Arzt, ein Jude, hatte noch nie einen solchen Patienten gehabt, der trotz der sichtlich au{\ss}erordentlichen Schmerzen stets so heiter scherzte und sich nicht von ihm verbinden lie{\ss}. May kennt seine Konstitution am besten und l{\"a}{\ss}t keinen Arzt an sich heran; au{\ss}erdem hatte dieser Herr eine schwere Hand.

Hier nun bot sich ein willkommener Griff zum Packen. Warum darf der Arzt ihn nicht verbinden? Ah  \dots ! Oh  \dots ! Hm  \dots ! Es wurde das Ger{\"u}cht verbreitet, May leide an einer schlechten Krankheit. Man denke! Aber das gen{\"u}gte noch nicht. Zwar, er war hoffentlich nun gesellschaftlich tot; aber man mu{\ss}te auch seine Frau umbringen. Darum wurde auch das N{\"o}tige gegen seine Frau hinzugef{\"u}gt. Die Feder str{\"a}ubt sich, dies zu schreiben, aber zur Kennzeichnung der Mittel, zu denen die Gegner griffen, mu{\ss} und mu{\ss} es dennoch geschrieben werden. Hoffte man beide gesellschaftlich umgebracht zu haben, so gen{\"u}gte das auch noch nicht, denn er schrieb ja fr{\"o}hlich weiter. Man mu{\ss}te ihn auch geistig umbringen. Dies war ja auch so leicht.

May {\"u}bte sich damals in der an Schnalzlauten so reichen Namaqua-Sprache und hatte in Gesellschaft einen ihm dabei vorgekommenen heitern Passus zum Besten gegeben. Da es keinen Namaqua gab, mit dem er sprechen konnte, war er gezwungen, mit sich selbst zu sprechen, und zwar laut. Ein bei ihm neu eingezogener Dienstbote vom Lande geht an der T{\"u}r der Studierstube vorbei, h{\"o}rt drinnen die so fremd klingenden, mit Zungenschnalzen untermischten Laute, l{\"a}uft schleunigst zur Herrin und meldet: {\frqq}Der Herr schreit oben wie verr{\"u}ckt; kommen Sie schnell herauf!{\flqq} Dieses von ihm selbst herzlich belachte Intermezzo wurde so herumgedreht, da{\ss} es folgende Fassung bekam: Die Herrin kommt pl{\"o}tzlich voller Angst in die K{\"u}che gerannt und ruft: {\frqq}Mein Mann schreit oben in seinem Zimmer herum, er ist verr{\"u}ckt geworden!{\flqq} Hierauf war in den Zeitungen schwarz auf wei{\ss} zu lesen, da{\ss} May wahnsinnig sei. -- Ein Blatt druckte es vom andern ab, ohne es f{\"u}r der M{\"u}he wert zu halten, sich vorher an der einzig richtigen Stelle zu erkundigen. Hunderte von besorgten brieflichen Anfragen seiner Leser gingen bei May ein; er lie{\ss} sie l{\"a}chelnd in den Papierkorb gleiten und sagte nur: {\frqq}Man soll bald lesen, ob ich verr{\"u}ckt geworden bin!{\flqq}

Er schrieb gerade an seinem wunderbaren Band {\frqq}Am Jenseits{\flqq}, der einen beispiellosen Absatz fand und den seit langer Zeit kr{\"a}ftigsten Schlag in das Gesicht des Unglaubens bedeutet.

Hierauf gab die schon seit Jahren gegen ihn so r{\"u}hrige {\frqq}Frankfurter Zeitung{\flqq} die erste Antwort. Schon Weihnachten 1897 hatte sie im Gef{\"u}hl ihrer Autorit{\"a}t bestimmt, da{\ss} {\frqq}Karl May auf den Index geh{\"o}re{\flqq}. Seine Leser lachten damals recht herzlich {\"u}ber den Demokraten, der
sich geberdete, als ob er selbst so fest auf dem heiligen Index sitze, da{\ss} nur ihm allein das Recht zustehe, zu bestimmen, wer neben ihm Platz zu nehmen habe. Jetzt nun ereignete sich etwas, was man f{\"u}r eine gegen die {\frqq}Frankfurter Zeitung{\flqq} schlecht erfundene Anekdote halten w{\"u}rde, wenn es nicht in ihren eigenen Spalten gestanden h{\"a}tte. Sie f{\"u}hrte n{\"a}mlich gegen den Verfasser von {\frqq}Am Jenseits{\flqq} ein Davidlein ins Feld, dessen Schleuder folgendes Gescho{\ss} enthielt: May kann nicht in Amerika gewesen sein, weil er in seinem {\frqq}Winnetou{\flqq} behauptet, ein texanischer Flu{\ss}, ich wei{\ss} nicht, welcher, sei schiffbar, w{\"a}hrend es doch in Texas keinen schiffbaren Flu{\ss} gibt. Auch behauptet er, von einem Ort zum anderen in k{\"u}rzerer Zeit geritten zu sein als der Bahnzug braucht, diese Strecke zur{\"u}ckzulegen. Dieses entsetzliche Gescho{\ss} wurde also wirklich geschleudert.

Bisher wei{\ss} aber Niemand, wen es getroffen hat. Ich will verraten, da{\ss} ich es aufgefangen habe und jetzt mitleidig wegwerfe. N{\"a}mlich wer ist dieser David? Die in Anonymen gegen May so {\"u}berreiche {\frqq}Frankfurter Zeitung{\flqq} nannte ihn {\frqq}ein mehrj{\"a}hriger Texaner auf dem Hunsr{\"u}ck{\flqq}. Alle Art von Hochachtung, aber wenn dieser kleine {\frqq}Mehrj{\"a}hrige{\flqq} keine Erfindung ist, sondern wirklich ganz echt texanisch auf dem R{\"u}cken des Hunnen herumkrabbelt, so mag er sich doch beeilen, baldigst sechs Jahre alt zu werden, damit er in die Schule kommt. Dort kann er erfahren, da{\ss} es in Texas sogar mehrere schiffbare Fl{\"u}sse gibt, nicht nur den einen, dessen Topographie May so genau gibt, da{\ss} dem unschiffbaren Mehrj{\"a}hrigen nur die einzige Ausrede {\"u}brig bleibt, er habe nicht von Texas gesprochen, sondern nur behauptet, da{\ss} der Hunsr{\"u}ck nicht schiffbar sei. Er lasse doch einmal nachz{\"a}hlen, wie viele amerikanische Fahrzeuge z. B. w{\"a}hrend des mexikanischen Krieges in den Rio Grande gekommen sind! Und h{\"o}chst lustiger Weise kennt er den Namen des Flusses nicht, den er meint! Ebensowenig gibt er bei seiner Behauptung die Namen der Orte an! Heraus mit ihnen! Aber bitte, ja keine Verwechselung, mein {\frqq}Ia in Geographie{\flqq}! In den Vereinigten Staaten und auch in Texas gibt es bekanntlich eine Menge gleichlautender Ortsnamen. Ein deutscher {\frqq}Einj{\"a}hriger{\flqq} w{\"u}rde sich da wohl leicht zurechtfinden, ob aber wohl auch ein texanischer {\frqq}Mehrj{\"a}hriger{\flqq}, das ist bei seinen bisherigen Leistungen sehr zweifelhaft! {\"U}brigens, da ich in Sachsen wohne, liegt mir ein erkl{\"a}rendes Beispiel
aus diesem Lande nahe. N{\"a}mlich, wenn ich von Meissen nach Tharandt reite, komme ich dort eher an, als wenn ich die Eisenbahn benutze.

Jetzt bin ich mit dem Hunsr{\"u}ck in Texas fertig und habe nur noch zu fragen: Wer bringt Unwahrheiten, May oder die {\frqq}Frankfurter Zeitung{\flqq}? Warum hat der Redakteur das Gew{\"a}sch aufgenommen, ohne vorher, wie es seine Pflicht war, im Lexikon nachzuschlagen? Oder h{\"a}tte er doch nachgeschlagen? Hm! Warum spielt er einen namenlosen Unwissenden gegen einen namhaften deutschen Schriftsteller aus? Was aber sonderbarer als das Alles ist: Drei Dutzend Zeitungen drucken den ber{\"u}hmten Fall {\frqq}Der mehrj{\"a}hrige Hunsr{\"u}ck contra Karl May{\flqq} ganz w{\"o}rtlich nach, ohne sich vorher dar{\"u}ber zu unterrichten, ob der Vorwurf begr{\"u}ndet ist oder nicht. May soll und mu{\ss} sich derartigen Waffen aussetzen; der Mehrj{\"a}hrige darf sich hinter seine notorische Unsichtbarkeit verkriechen!

Wen bringt die {\frqq}Frankfurter Zeitung{\flqq} dann? Wieder einen Unbekannten! Sie bezeichnet ihn als einen im Rheinlande lebenden Sachsen. Ich will anst{\"a}ndig gegen diesen Herrn sein und ihm verraten, da{\ss} die Redaktion vorl{\"a}ufig seinen Namen nicht nennt, vielleicht auch nicht nennen kann, jedenfalls sage ich der Redaktion, da{\ss} eine Buchkritik nicht das mindeste mit den Privatverh{\"a}ltnissen und gar der Frau des Verfassers zu tun hat, da{\ss} die Herabw{\"u}rdigung seines Schriftstellerrufes einem Autor ganz bedeutenden pekuni{\"a}ren Schaden bereiten kann und da{\ss} es in dieser Beziehung Schadenersatzklagen gibt. Dies nur nebenbei zur anderweitigen Warnung. Mein Freund ist n{\"a}mlich gar nicht der May, welcher f{\"u}r Dittrich und der Ihren k{\"u}hnen Wildsch{\"u}tz Karl St{\"u}lpner geschrieben hat. Wer solche unwahren Behauptungen verbreitet, mu{\ss} sich die Folgen gefallen lassen.

Wer kommt nun? Ein Berliner Schriftsteller in Lausanne, nat{\"u}rlich auch ungenannt. Man m{\"o}chte diese Leute doch gar zu gern entdecken, doch geht das nicht, weil sie Alle so schlau gewesen sind, nicht daheim zu bleiben. Der Texaner auf dem Hunsr{\"u}ck, der Sachse im Rheinland und der Berliner gar in der Schweiz. Das ist doch h{\"o}chst beklagenswert! Der letztere Herr fl{\"o}{\ss}t mir unendlichen Respekt ein: er ist ein Mann von ungeheurer geistiger K{\"u}rze. Er tut einen Autor, der ca. 40 B{\"u}cher geschrieben hat, mit $6\frac12$ Zeilen ins Irrenhaus. Bestehen seine schriftstellerischen Leistungen vielleicht aus ebensovielen Zeilen? Er scheint
dabei gern nachzuschreiben, denn sein {\frqq}Psychiater{\flqq} erinnert allzusehr an den {\frqq}Wahnsinn{\flqq} in M{\"u}nchen und Wien, an welchem nur May nicht litt. So eine Hinrichtung in $2\frac12$ Sekunden bringt die {\frqq}Frankfurter Zeitung{\flqq} und wird leider von anderen Zeitungen nachgedruckt.

Weiter! Ein Lehrer aus Karlsruhe. Dieser Mann gef{\"a}llt mir, denn er ist doch wenigstens zu Hause geblieben, von seiner Einsendung ist freilich sehr zu w{\"u}nschen, da{\ss} sie ihm dort treu geblieben w{\"a}re. Oder ist auch er in der Fremde? Das W{\"o}rtchen {\frqq}aus{\flqq} l{\"a}{\ss}t das vermuten. Man sieht, wie unbequem f{\"u}r den ehrlichen Mann, der seinen Namen nennt, solche Ano- und Pseudonyme sind. Das, was sie vorbringen, hat ja nicht den mindesten Wert. Keine K{\"a}sefrau h{\"a}tte etwas hineingewickelt; die {\frqq}Frankfurter Zeitung{\flqq} bringt aber nicht nur das Papier, sondern auch den K{\"a}se, aber nur die Namen nicht, und wieder druckt man nach! Und May ist der {\"U}berzeugung gewesen, da{\ss} die deutsche Presse solcher Kafillerei nicht f{\"a}hig sei!

Aber noch bin ich nicht fertig, es kommt noch das Ende, und das ist unbedingt die Krone des Ganzen.

Trotz all der bisherigen Angriffe lebt May noch, sogar in voller R{\"u}stigkeit. Dieser Mann ist nicht umzubringen! Jetzt ist er gar wieder unterwegs nach Afrika und Asien. H{\"o}chst wahrscheinlich bringt er von da eine F{\"u}lle von Sujets f{\"u}r neue B{\"a}nde mit! Diese Fortschreiberei des Verha{\ss}ten mu{\ss} unterbleiben! Kein weiteres Werk darf Absatz finden! Aber wie das anfangen? Was da tun?  \dots  Wie, wenn er Deutschland gar nicht verlassen h{\"a}tte, sondern irgendwo steckte? Wenn diese Reise fingiert w{\"a}re? Einer solchen Entdeckung w{\"a}re ja der gro{\ss}artigste Erfolg sicher.

Man merke wohl: Ich schiebe diesen Gedankengang keinem Menschen unter, ich verd{\"a}chtige Niemand. Ich staune nur dar{\"u}ber, da{\ss} das Alles so sch{\"o}n zusammenh{\"a}ngt, wie bei einem organisch aufgebauten B{\"u}hnenst{\"u}ck, und f{\"u}ge meine eigenen teuflischen Einfl{\"u}sterungen hinzu: Die Hinrichtung in Wien hatte damals keinen Erfolg, sie werde wiederholt! Er hat seine Reise gar nicht unternommen; Beweis: er trug sich, w{\"a}hrend er vorgab, in Afrika zu sein, an einem deutschen Orte in das Fremdenbuch ein. Was f{\"u}r ein Ort? Kommt man auf seine {\frqq}schlechte{\flqq} Wiener Krankheit zur{\"u}ck, so ist ein Jodbad, wo mit dergleichen deprimierenden {\"U}beln behaftete Personen Heilung suchen, hierf{\"u}r der geeignete Ort. Die Gegner Mays sind ja an dem, was nun geschieht, vollst{\"a}ndig unschuldig, ganz und gar unschuldig. Jedoch wie {\"a}hnlich meine Gedanken den Gedanken anderer Leute sind, m{\"o}gen nachfolgende Ausdr{\"u}cke zeigen.

{\frqq}Ich kann Ihnen sagen, da{\ss} es in T{\"o}lz k{\"u}hler ist als in Afrika und da{\ss} jetzt kein Mensch dorthin geht. Was den Brief aus Nubien betrifft, so hat Frau May ihn einfach in die betreffende Zeitung lanciert. Erst kamen kleine Artikel, da{\ss} die Gattin Mays bei einem Kommerzienrat weile; dies waren die Vorbereitungen, und dann wurde der Brief eingeschoben  \dots {\flqq}

Pl{\"o}tzlich berichtete eine Leserin, nat{\"u}rlich auch ungenannt, aus dem Jodbad T{\"o}lz, da{\ss} Karl May, der nach seinen eigenen Angaben gegenw{\"a}rtig {\frqq}vom Sudan zu dem ihm befreundeten Araberstamm der Haddedihn reitet{\flqq}, der letzten Kurliste zufolge im Hotel {\frqq}B{\"u}rgerbr{\"a}u{\flqq} als Kurgast abgestiegen sei. Die liebensw{\"u}rdige, pflichteifrige {\frqq}Frankfurter Zeitung{\flqq} telegrafiert nat{\"u}rlich sofort nach T{\"o}lz und erh{\"a}lt folgende Drahtantwort: {\frqq}Karl May, Fremdenbuch eingetragen, pers{\"o}nlich unbekannt.{\flqq} Sie ver{\"o}ffentlicht das nat{\"u}rlich sofort und f{\"u}gt in wirklich beneidenswerter breiter Behaglichkeit hinzu: {\frqq}Sollte der Araberstamm der Haddedihn, mit welchem Karl May befreundet ist, am Ende gar in Oberbayern hausen?{\flqq}

Ich gestatte mir zu sagen: Die fadenscheinige D{\"u}rftigkeit dieses neuen Man{\"o}vers ist wirklich zum Erbarmen. May gibt vor, in Afrika zu sein, steckt aber in T{\"o}lz. Er, der das Einkommen eines Million{\"a}rs bezieht, welches er allerdings gr{\"o}{\ss}tenteils zu wohlt{\"a}tigen Zwecken verwendet, wof{\"u}r er jetzt mit Wonne abgeschlachtet wird, er kommt nur bis T{\"o}lz, er kann nicht einmal {\"u}ber die Grenze, um sich jenseits zu verstecken. Jedenfalls fehlt ihm das Geld dazu. H{\"o}chst sonderbar! Er hat doch am 26. M{\"a}rz, als er von daheim abreiste, 25.000 M Reisegeld mitgenommen, und zwar in Circular Letters of Credit, die in jedem gr{\"o}{\ss}eren Orte Afrikas und Asiens und in Deutschland {\"u}berall honoriert werden! Wo ist die Summe hin? Es kann ja doch nur die Geldnot sein, die ihn in T{\"o}lz angenagelt hat. Ah, Jodbad! Und dieser May, der Verfasser von ca. 40 B{\"u}chern, schreibt in T{\"o}lz seinen Namen in ein Fremdenbuch, w{\"a}hrend er Alles in Bewegung gesetzt hat, die Welt glauben zu machen, da{\ss} er sich in Afrika befinde. Wer ist da wahnsinnig? May, der das tut? Oder, da er es nicht getan hat, der Redakteur, der es in seiner Zeitung bringt? Und da ich nicht der Mann bin, mir einen wahnsinnigen Redakteur denken zu k{\"o}nnen, so frage ich billig: Wie hat dieser Redakteur, und wie haben alle ihn kritiklos nachdruckenden Redakteure gehandelt, als sie {\"u}ber ganz Deutschland und {\"O}sterreich und so weit die deutsche Zunge klingt, ohne alle vorherige Pr{\"u}fung verk{\"u}ndeten, da{\ss} der gelesenste Schriftsteller der Gegenwart den ungeheuren Schwindel begangen habe, in T{\"o}lz zu stecken, w{\"a}hrend er {\"u}berall, sogar an F{\"u}rstenh{\"o}fen glauben machte, er sei nach dem Sudan gegangen? Es ist das so {\"u}ber alle Ma{\ss}en beispiellos, da{\ss} ich getrost behaupten kann: So lange die Erde steht, hat noch nie die Presse irgend eines Landes in dieser haarstr{\"a}ubenden Weise an einem Schriftsteller gehandelt!

\section*{III.}

Und dieser so {\"o}ffentlich an das Kreuz, nein an den Schandpfahl geschlagene Mann ist der fr{\"o}mmste, gl{\"a}ubigste Christ, der edelste, beste Mensch, den es nur geben kann, der durch seinen edlen, wohlt{\"a}tigen Sinn bekannteste B{\"u}rger seines Wohnortes und ein so begeisterter Patriot, da{\ss} er mit der gr{\"o}{\ss}ten {\"U}berzeugung sagen konnte: {\frqq}Nein, solcher Kafillereien ist unsere deutsche Presse denn doch nicht f{\"a}hig!{\flqq} Die einzige, aber auch allereinzige Erkl{\"a}rung liegt in denn Gest{\"a}ndnisse des Redakteurs eines gewissen demokratischen Blattes: {\frqq}Wir beschlossen, ihn auszumerzen!{\flqq} Nein, mein Herr, ein Karl May wird weder von Ihnen, noch von Ihren Helfershelfern {\frqq}ausgemerzt{\flqq}. Mag auch die {\frqq}Frankfurter Zeitung{\flqq} die Unwahrheiten, welche man gegen ihn ver{\"o}ffentlicht, aus Texas, vom Hunsr{\"u}ck, aus T{\"o}lz oder sonst woher zusammenklauben, sie mag ihn vor wie nach in der Mistgabelmanier angreifen, sie mag die Angriffe und ungeheuerlichen Beleidigungen in noch so vielen Dutzenden von Bl{\"a}ttern nachdrucken lassen, so wird sie doch nur dies Eine erreichen: Sie handelt, wie noch nie an einem Schriftsteller gehandelt worden ist, aber sie macht auch f{\"u}r ihn eine Reklame, wie er sie sich erfolgreicher gar nicht w{\"u}nschen k{\"o}nnte! -- 

Sollte Jemand glauben, da{\ss} der Streich mit dem Fremdenbuch eine Originalerfindung sei, so ist das ein Irrturn. Es kommt vor, da{\ss} May
so ganz en passant erf{\"a}hrt, da{\ss} er in irgendeinem Pfarrhause, einem Kloster {\"u}bernachtet habe. So machte z. B. ein gewisser Otto den ganzen Strich von Breslau bis nach Hof in Bayern unter dem Namen Karl May, Schriftsteller, unsicher. Er hatte sich als Buchdruckergeh{\"u}lfe in den Besitz eines abgesetzten Manuskripts gebracht, welches auch ganz unglaublicher Weise von allen Buchdruckern und Schriftstellern, die er aufsuchte, als Legitimation anerkannt wurde. Also originell ist diese T{\"o}lzer Idee keineswegs, daf{\"u}r aber ihre Ausf{\"u}hrung umso interessanter. Ich will hier zeigen, warum. Es ist dazu nicht die ganze betreffende Seite des Fremdenbuchs n{\"o}tig; ich gebe also nur die beiden Namen wieder, zwischen denen derjenige meines Freundes steht:


Name Wohnort Stand Datum 

Michael Gruber M{\"u}nchen Privatier 23. 6. 99  

Karl May, alias {\frqq}Old Shatterhand{\flqq} Oberl{\"o}{\ss}nitz b. Dresden allbekannt  31. 3. 99 

v. Heu{\ss}-Bl{\"o}{\ss}t M{\"u}nchen   

Irma v. Heu{\ss}-Bl{\"o}{\ss}t M{\"u}nchen  24. 6. 99 


Ich gestehe, da{\ss} die Schrift keine {\"A}hnlichkeit besitzt, da{\ss} aber aus ihrem Charakter das Bem{\"u}hen, sie nachzuahmen, hervorgeht. Die F{\"a}lschung ist unbedingt vorher einge{\"u}bt worden; es handelt sich also um keinen dummen Scherz, sondern um ernste Gr{\"u}nde. Es existieren viele tausende von Briefen und Karten, mit denen mein Freund die an ihn gerichteten beantwortet hat. Es war also f{\"u}r den Betreffenden gar nicht schwer, sich in den Besitz einer Namensunterschrift zu bringen. Aber schon das {\frqq}alias{\flqq} beweist die F{\"a}lschung; May w{\"u}rde sich dieses Wortes nie bedienen. Dann der Wohnort. May wohnt seit vier Jahren nicht mehr in Oberl{\"o}{\ss}nitz, sondern in Radebeul, einem Dresdner Villenvorort. Das hat der F{\"a}lscher nicht gewu{\ss}t, er hat vielleicht das Oberl{\"o}{\ss}nitz einem alten Bande von K{\"u}rschners Schriftsteller-Lexikon entnommen, ist vielleicht Fachmann, Journalist.

Ich m{\"o}chte fast glauben, da{\ss} ein Schriftsteller oder Journalist sich den Namen Karl May in die Feder {\"u}bt, um ihn in T{\"o}lz in das Fremdenbuch einzutragen. Beim vorstehenden Namen ist der 23., beim nachfolgenden der 24. Juni verzeichnet. Der dazwischen stehende F{\"a}lscher hat den 31. M{\"a}rz geschrieben, also eine L{\"u}ge. Warum? Die Antwort
halte ich hier zur{\"u}ck, denn diese ganze Angelegenheit wird Sache des Staatsanwalts werden. Man will doch nicht nur den T{\"a}ter, sondern auch den intellektuellen Urheber kennenlernen! Es gibt f{\"u}r solche Herren Freib{\"a}der, wenn es auch nicht gerade in Jod und T{\"o}lz sein mu{\ss}.

Was nun die angegebenen Daten betrifft, so habe ich folgendes zu erkl{\"a}ren: May reiste in Begleitung seiner und meiner Frau, welche innige Freundinnen sind, {\"u}ber Luzern nach Genua, wo ich {\"u}ber Ala kommend, zu ihnen stie{\ss}. Wir brachten ihn auf das Schiff, von welchem ich, als er aus dem Hafen dampfte, eine photographische Aufnahme machte. May hat am Sonntag, dem 28. M{\"a}rz, fr{\"u}h acht Uhr Dresden verlassen und ist abends 8 Uhr in Frankfurt a. Main, Hotel {\frqq}Continental{\flqq}, abgestiegen. Mittwoch fr{\"u}h 9.45 Uhr Weiterfahrt nach Freiburg i. Br., um seinen Verleger, Herrn Fehsenfeld, aufzusuchen und mit ihm die neuen Auflagen w{\"a}hrend einer wahrscheinlich mehr als einj{\"a}hrigen Abwesenheit zu besprechen. Freitag, den 31., ab nach Lugano. Da der F{\"a}lscher diesen Tag in T{\"o}lz eingetragen hat, vermute ich, da{\ss} er schon am 30. dort eingetroffen ist, an welchem Tage der Verleger Fehsenfeld dem Schriftsteller May oberhalb Freiburg im Schwarzwalde das Areal zeigte, auf dem das Jagdschl{\"o}{\ss}chen stehen wird, welches Herr Fehsenfeld seinem Autor schenkt. Sollte aus diesem Schl{\"o}{\ss}chen ein Schlo{\ss} werden, so w{\"u}rde das nur der feindlichen Reklame zu verdanken sein. Falls man nach {\frqq}Frankfurter Zeitungs{\flqq}-Art diese wahrheitsgem{\"a}{\ss}en Angaben als L{\"u}gen bezeichnen sollte, stehen mir daf{\"u}r, da{\ss} May am 31. nicht in T{\"o}lz gewesen, sondern von Freiburg nach Lugano gefahren ist, mehr als genug Zeugen zur Verf{\"u}gung. Er traf am 2. April in Genua ein, ist am 4. April mit der {\frqq}Preu{\ss}en{\flqq} nach Port Said in Egypten gefahren und am 9. dort angekommen.

Was nun die anderen Daten, n{\"a}mlich den 23. und 24. Juni betrifft, so ist es mir auch da sehr leicht nachzuweisen, da{\ss} mein Freund sich in Afrika und keineswegs in T{\"o}lz befunden hat. {\"U}brigens wurde er von zahlreichen Lesern vor seiner Abreise um Ansichtskarten aus Egypten gebeten. Er hat diese W{\"u}nsche mehr als reichlich erf{\"u}llt. Es existieren mehr als tausend Karten, welche er bis jetzt an deutsche Leser sandte. Die Besitzer derselben sind nat{\"u}rlich {\"u}ber die Anschuldigungen, welche man gegen ihn schleudert, emp{\"o}rt. Und wenn man die Vermutung {\"a}u{\ss}ert, wie es tats{\"a}chlich geschehen, der Brief Mays aus Nubien sei
von der Gattin desselben in die Pf{\"a}lzer Zeitung lanciert, so mu{\ss} wohl der dies Sagende der Unwahrheit beschuldigt werden, aber nicht May. M{\"o}chte sich doch die {\frqq}Frankfurter Zeitung{\flqq} genauer informieren {\"u}ber Dinge, die sie ver{\"o}ffentlicht. Die {\frqq}Frankfurter Zeitung{\flqq} beschuldigt May des Kultus der Unwahrheit und geberdet sich au{\ss}erordentlich besorgt um die Wahrheitsliebe der deutschen Jugend, die durch die Lekt{\"u}re Mayscher Werke gesch{\"a}digt werde; was aber sagt und wie handelt sie?

Es ist eine geradezu ph{\"a}nomenale Dreistigkeit, mit welcher die {\frqq}Frankfurter Zeitung{\flqq} May L{\"u}gen straft. Wie rei{\ss}t sie ihn in ihrem {\frqq}Karl May im Urteil der Zeitgenossen{\flqq} herunter, ohne sich nur die allergeringste M{\"u}he, die Wahrheit festzustellen, gegeben zu haben! Sie selbst, eine Feindin der Wahrheit, wagt es, Karl May eine L{\"u}ge nach der andern ins Gesicht zu schleudern. Dabei wei{\ss} der Redakteur nicht einmal, was eine Biographie ist, denn er bezeichnet den betreffenden {\frqq}Hausschatz{\flqq}-Artikel als solche. May schrieb seine {\frqq}Leiden und Freuden eines Vielgelesenen{\flqq} auf mehrmalige Aufforderung des Verlegers und vielseitiges Bitten seiner Leser. Wenn er sich da einen Vielgelesenen nennt, so ist das vollst{\"a}ndig richtig, denn auf je einen Leser der {\frqq}Frankfurter Zeitung{\flqq} kommen mehr als zweihundert Leser von ihm. Was bildet sich denn eigentlich dieser Herr ein? Er l{\"a}{\ss}t einen ungenannten {\frqq}Mehrj{\"a}hrigen{\flqq}, einen Sachsen am Rhein, auch ungenannt, einen Berliner in der Schweiz und einen Lehrer in Karlsruhe, auch namenlos, ihren Geifer ausspucken, gibt dann seine eigenen unbewiesenen Behauptungen zu ihren Wildsch{\"u}tzen und unschiffbaren Fl{\"u}ssen, und man h{\"o}re und staune -- die Summe dieses Bl{\"o}dsinns und seiner b{\"o}swilligen Behauptungen bezeichnet er, der geistige {\frqq}Riese{\flqq}, als {\frqq}das Urteil der Zeitgenossen{\flqq}! Es ist ein wahres Gl{\"u}ck, da{\ss} es au{\ss}er diesen f{\"u}nf Koryph{\"a}en in Deutschland noch ein halbes Hundert Millionen anderer Zeitgenossen gibt.

Ich sage Ihnen, Herr Redaktions-Generalissimus, da{\ss} jedes Wort der {\frqq}Leiden und Freuden eines Vielgelesenen{\flqq} die reinste Wahrheit enth{\"a}lt, die allerdings Ihnen unglaublich erscheinen mag.

Warum wiederholen Sie so oft und h{\"o}hnisch den Ausdruck {\frqq}vom Sudan nach Arabien reiten{\flqq}? Das hat Fehsenfeld geschrieben, nicht May. Warum reiben Sie es dem Unschuldigen immer in den Bart? Wie nennt man das? Und denken Sie etwa, Sie haben ein Recht, {\"u}ber diesen
Ausdruck zu lachen? Wenn ich von Hamburg nach der Schweiz reite und mich an irgend einer Stelle {\"u}ber die Weser und den Rhein setzen lasse, so bin ich eben von Hamburg nach der Schweiz geritten. Die Stunde auf dem Wasser {\"a}ndert nichts. Und wenn May von Alt Dongula nach Berber und von da nach Suakin reitet, sich von dort nach Kunfuda {\"u}ber das rote Meer setzen l{\"a}{\ss}t, und dann, wie er es sich vorgenommen hat, l{\"a}ngs des Dauasir nach Hasa reitet, so ist er eben geritten, verstehen Sie das? Falls Sie aber denken, er kann nicht reiten, so steht ein Brief aus Minieh zur Verf{\"u}gung, in welchem englische Offiziere sich nach seiner Ankunft freuen und ihm Zelte und Kamele zur Verf{\"u}gung stellen. Dieser Brief ist echt, wie alle angef{\"u}hrten Briefe echt sind, nicht etwa gef{\"a}lscht wie die T{\"o}lzer Eintragung.

Und dieser Mann, den englische Offiziere einladen und willkommen hei{\ss}en, wird hier in Deutschland von Jemand, der jedenfalls nur seinen Redaktionsschemel reiten kann, so {\"o}ffentlich verspottet und verlacht! Was hat Ihnen May denn eigentlich getan? Nichts! Mit welchem Rechte ma{\ss}en Sie sich ein Urteil {\"u}ber ihn an? Sind Sie etwa gescheidter, weiser, besser als er? Nein! tausendmal nein, ich glaube es nicht! Oder etwa, weil Sie Redakteur Ihrer Zeitung sind? H{\"o}ren Sie, darauf bilden Sie sich ja nichts ein! Eine Zeitung, deren s{\"a}mtliche Zeitgenossen aus einem {\frqq}Mehrj{\"a}hrigen{\flqq}, einem Sachsen, einem Preu{\ss}en, einem Karlsruher und Ihnen bestehen, die hat kein Urteil {\"u}ber May und merzt ihn auch nicht aus! Aus was soll er denn eigentlich gemerzt werden? Aus Ihrer Zeitung? Die braucht er nicht und hat sie nie gebraucht. Aus der Schriftstellerei? Er will ja gar kein Schriftsteller sein! Nicht einmal ein Journalist, wie Sie! Dann h{\"o}ren Sie nur noch diese kurzen Worte:

Sie verschm{\"a}hen es nicht, mit den geographischen Fehlern eines {\frqq}Mehrj{\"a}hrigen{\flqq} gegen May vorzugehen Sie werfen ihm den Wildsch{\"u}tzen St{\"u}lpner an den Kopf; Sie schicken ganz und gar ungepr{\"u}ft und mit sehr bemerkbarer Wonne die T{\"o}lzer F{\"a}lschung in die Welt hinaus. Sie sagen von dem Artikel meines Freundes, in welchem nicht ein K{\"o}rnchen Unwahrheit zu finden ist; {\frqq}Wir lasen und lachten dann, da{\ss} man es drei Gassen weit h{\"o}rte!{\flqq} Etwa Sie und Ihr {\frqq}Mehrj{\"a}hriger{\flqq}? Bitte, wo haben Sie dieses hochanst{\"a}ndige Lachen her? Sie machen Karl May in Ihrem Blatte l{\"a}cherlich, so oft es Ihnen ohne allen Grund beliebt. Sie nennen ihn unwahr; Sie warnen die Jungen und die Alten
vor seinen Werken; ja, Sie setzen ihn gar auf den Index, dann versuchen Sie ihn schlie{\ss}lich noch ganz auszumerzen. Und wenn Sie das Alles getan haben, so ist er doch noch da und l{\"a}chelt {\"u}ber Sie, h{\"o}ren Sie, nur L{\"a}cheln, kein Gel{\"a}chter, drei Gassen weit zu h{\"o}ren!

Sie hassen einen Mann, der Ihnen nie etwas getan hat, weil Ihre atheistische Richtung die zu Gott f{\"u}hrende Richtung seiner Werke f{\"u}rchtet. Darum soll er unm{\"o}glich gemacht werden, um jeden Preis, selbst um den Preis der Wahrheit und der eigenen Ehre. In dieser Weise wird von Ihnen ohne alles Bedenken die Ehre Ihrer Mitmenschen umgebracht. Darf so ein Mann die hochverantwortliche Stellung eines Redakteurs bekleiden?

Wie war das, was er von den Redaktionen sagte? Wissen Sie es noch? Ist die Ihrige ein Thronsaal der K{\"o}nigin Presse? Eine Hochburg des edlen Journalismus? Eine Wohnst{\"a}tte wahrhaft nobler Gesinnung? Ein Lehrzimmer vornehmer Schreib- und Handlungsweise??? Und was Ihre Ehre betrifft, so frage ich Sie: Ist es ehrenhaft, die Person eines Schriftstellers seiner Werke wegen abzuw{\"u}rgen? Ist es ehrenhaft, Alles, was er unbefangen und wahrheitsgetreu von seinem Heim, seinem Privatleben, seinen Besuchen, seinen Korrespondenzen erz{\"a}hlt, an den Pranger zu nageln, ohne vorher auch nur einen einzigen Blick in dieses sein Heim getan zu haben? Ist es ehrenhaft, die Ehe eines Autors mit in die Kritik zu ziehen und ihn in den Augen seiner Leser dadurch herunter setzen zu wollen, da{\ss} man sich der Ver{\"o}ffentlichung bedient, er habe eine Handwerkerstochter geheiratet? Notabene, das bezog sich freilich auf den Verfasser des {\frqq}Wildsch{\"u}tzen St{\"u}lpner{\flqq}, ist aber von ganz derselben Beweiskraft f{\"u}r Ihre Handlungsweise. Es gibt sechs Schriftsteller, welche May hei{\ss}en, und noch mehr, welche unter {\frqq}Karl May{\flqq} schreiben, ohne es zu sein. Mein May aber w{\"u}rde sogar die zerlumpteste Bettlerin heiraten, ohne Sie zu fragen, und alsdann stolz auf das Gl{\"u}ck seiner Ehe sein. Ist es ehrenhaft, mit giftigen Spionenblicken dem Privatleben und privaten Handeln eines Menschen nur deshalb nachzusp{\"u}ren, weil man beschlossen hat, ihn dadurch als L{\"u}gner hinzustellen, da{\ss} man selbst die Unwahrheit spricht?

Ist es ehrenhaft, einen so kenntnisreichen Geographen (denn da{\ss} May das ist, werden selbst seine Feinde zugeben) mit H{\"u}lfe der Schuljungenirrt{\"u}mer ungenannter Personen als Schwindler {\"o}ffentlich hinzustellen?
Ist es ehrenhaft, sobald sich irgendwo nur ein St{\"a}ublein gegen ihn zeigt, mit wahrhaft hei{\ss}hungriger Wollust dar{\"u}ber herzufallen, und, ohne zu pr{\"u}fen, dieses St{\"a}ublein zu einer mit Unwahrheiten gef{\"u}llten Bombe aufzublasen, die man dann {\"o}ffentlich platzen l{\"a}{\ss}t? Ist es ehrenhaft  \dots ? Doch wozu noch mehr solcher Fragen; es gen{\"u}gt ja eine einzige von ihnen vollst{\"a}ndig! Man will ihn ausmerzen, ihn verderben! Man sei ja sehr vorsichtig dabei! Mit dem Besitzer der Villa {\frqq}Shatterhand{\flqq} anzubinden, ist nicht ganz so sehr kinderleicht, wie man sich das denkt, selbst wenn er abwesend ist; er kommt ja zur{\"u}ck! Und ich will ganz im Vertrauen mitteilen: ich halte noch einige andere {\"U}berraschungen bereit. F{\"u}r dieses Mal aber habe ich die Ehre, Sie so, wie ich Sie jetzt vor mir sehe, in all Ihrer Herrlichkeit und Gr{\"o}{\ss}e stehen zu lassen!

Diese kleine Auseinandersetzung hatte ich mit dem Redakteur der {\frqq}Frankfurter Zeitung{\flqq}, Mamroth, zu pflegen; wenn er sie liest, wird er nicht sehr erbaut sein, und wenn er dennoch ein Gel{\"a}chter anstimmen sollte, drei Gassen weit zu h{\"o}ren, dann werde ich ihm, im geeigneten Moment, mit einem neuen, aber prompt wirkenden Reduktionsmittel dienen.

Was nun soll ich allen den Herren sagen, welche seine Angriffe abgedruckt und ver{\"o}ffentlicht haben, ohne auch nur eine einzige Frage nach der Wahrheit auszusprechen? Man hat sogar das Gute weggelassen und geflissentlich nur das Schlimme gebracht. W{\"a}re ich Redakteur, ich w{\"u}rde niemals in meinem Blatte einen Menschen angreifen, ohne ihn vorher davon benachrichtigt und seine Antwort abgewartet zu haben. Das ist eine so einfache, so selbstverst{\"a}ndliche Forderung der Gerechtigkeit. Das hat keiner dieser Herren getan; ich hege aber die Zuversicht, da{\ss} nun auch keiner von ihnen unterl{\"a}{\ss}t, im Sinne dieser Gerechtigkeit den Angriffen nun auch hier diese meine Entgegnung folgen zu lassen.

Sie ist leider aus einer nicht mit den schriftstellerischen Verh{\"a}ltnissen vertrauten Feder geflossen und wird manchen Mangel und manche L{\"u}cke zeigen. Die Vervollst{\"a}ndigung mu{\ss} ich meinem Freunde {\"u}berlassen, der, sobald er das rote Meer erreicht, alle diese Zeitungen vorfinden wird.

Und nun zur{\"u}ck zu Ihnen, dem Redakteur, an den ich mich am Beginne dieser Zuschrift gewendet habe. Sie ist betr{\"a}chtlich l{\"a}nger geworden, als ich beabsichtigte; sie w{\"u}rde aber um das Zehnfache wachsen, wenn ich Alles sagen wollte, was ich gegen diese ebenso ungerechten wie r{\"u}cksichtslosen Angriffe zu sagen habe. Es versteht sich ganz von selbst, da{\ss} ich die Verantwortung f{\"u}r jedes meiner Worte ganz allein auf mich nehme; ich habe mich nicht im geringsten zu f{\"u}rchten, ganz ebenso wie auch May keinen einzigen seiner Gegner f{\"u}rchtet.

Bitte, bringen Sie auch diese, an Sie gerichteten Zeilen zum Abdruck. Ich w{\"u}nsche, da{\ss} kein Wort weggelassen werde.

Auf solche Schandartikel, wie sie der Redakteur der {\frqq}Frankfurter Zeitung{\flqq} gegen Karl May nur zu dem Zwecke ver{\"o}ffentlicht, diesem f{\"u}r die h{\"o}chsten G{\"u}ter des Lebens eintretenden Schriftsteller die Eingeweide einzeln aus dem Leibe zu rei{\ss}en (ein starkes Bild, aber ganz bezeichnend), geh{\"o}rt eine kr{\"a}ftige Antwort. Ich denke vielmehr, da{\ss} mein {\frqq}Styl{\flqq} noch viel zu h{\"o}flich ist; hier pa{\ss}t eigentlich nur ein anderer {\frqq}Stiel{\flqq}. Empfangen Sie, geehrter Herr, im Voraus meinen verbindlichsten Dank f{\"u}r die Ver{\"o}ffentlichung dieser Zeilen und genehmigen Sie den Ausdruck meiner vorz{\"u}glichen Hochachtung!

Richard Pl{\"o}hn.

\end{document}